Die glühende Kohle
Manchmal ist zu viel vorgefallen, und der Kontakt zu einem anderen Menschen wird innerlich völlig abgebrochen. Ein einzelner Satz kann dabei das Fass zum Überlaufen bringen, und man verschließt sich diesem Menschen gegenüber innerlich komplett. Aus Ablehnung wird schnell mehr. Erst Kopfschütteln, dann Distanz, irgendwann etwas, das man nur noch Verachtung nennen kann. In meiner Arbeit begegnet mir das ständig, bei Menschen, die sich von einem Elternteil, einem Kollegen oder einem ehemals engen Freund komplett abgewandt haben. Fast immer mit demselben Argument: „Ich musste mich schützen.“ Manchmal, weniger reflektiert, auch einfacher: „Der hat sie nicht mehr alle! Das war's.“
Das mit dem Schützen stimmt oft, und trotzdem stimmt noch etwas anderes. Ablehnung und Verachtung sind zwei verschiedene Bewegungen, auch wenn sie sich gleich anfühlen können. Ablehnung sagt: „Das, was du tust, lehne ich ab.“ Verachtung sagt mehr: „Du bist es nicht wert, dass ich mich noch mit dir auseinandersetze.“ Ablehnung lässt die Tür einen Spalt offen, selbst wenn ich nicht hindurchgehe. Verachtung verschließt sie ganz. Genau diesen Unterschied beobachte ich in meiner Arbeit immer wieder. Dabei fällt mir noch etwas auf. Verachtung stellt häufig auch die Bedingungen her, unter denen sich diese scheinbar endgültige Meinung immer wieder von selbst bestätigt. Man stellt dem anderen unbewusst Fallen, nur um das eigene Bild bestätigt zu bekommen, dass diese Person unwürdig sei. Das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Man provoziert genau das Verhalten, das man ohnehin erwartet hat, und hält damit die eigene Überzeugung am Leben. Das kann ganze Familien- oder Teamdynamiken über Jahre prägen und vergiften, bis man sich endgültig trennt.
Was mich daran am meisten beschäftigt, ist etwas, das selten ausgesprochen wird. Wer verachtet, hält an etwas fest. Der Mensch, den ich verachte, verschwindet nicht aus meinem Inneren, nur weil ich äußerlich Abstand halte. Er bleibt dort, oft sogar präsenter als vorher, nur eingefroren in der schlimmsten Version, die ich mir von ihm gemacht habe. Ich trage ihn mit mir wie eine glühende Kohle in der Hand, überzeugt, mich damit von ihm zu befreien, und merke nicht, dass genau diese Hand – meine Hand – die ganze Zeit verbrennt. Solange es keinerlei Bereitschaft für eine neue Erfahrung mit diesem Menschen gibt, solange ich glaube „zu wissen“, dass er „verachtenswert ist, ohne Wenn und Aber“, so lange kann ich keine neue Erfahrung mehr mit ihm machen. Das Bild, das ich von ihm festgeschrieben habe, bekommt keine Gelegenheit mehr, sich zu verändern. Ich zementiere genau das in mir, was ich zutiefst ablehne und verachte. Das abstoßende und möglicherweise verzerrte Bild bleibt, wie es war, nur dass ich es Jahre später immer noch mit mir herumtrage und innerlich damit ringe, vielleicht nicht einmal bewusst, aber gerade deshalb unerkannt kräftezehrend.
Es gehört noch etwas zu dieser Verachtung. Um jemanden verachten zu können, muss ich mich über ihn stellen. Diese Überhöhung fühlt sich zunächst gut an, fast wie eine leise Grandiosität. „Ich stehe über den Dingen“, denke ich, „mich kann das gar nicht mehr erreichen.“ Aber das ist Selbstbetrug. Ich erhebe mich über den anderen, damit ich den eigentlichen Schmerz nicht mehr spüren muss, die Kränkung oder die Enttäuschung, die wirklich aus meiner Erfahrung mit diesem Menschen stammt. Weil diese Erhöhung nichts davon löst, muss ich sie immer wieder neu herstellen.
Diese Energie fehlt mir in meinem Lebensfluss. Ich kenne aus meiner Arbeit Menschen, die Jahre damit verbracht haben, innerlich mit jemandem im Streit zu liegen, der davon vielleicht nie erfahren hat, oder der längst verstorben ist. Der innere Kampf bleibt trotzdem so lebendig wie eh und je. Der Krieg findet in solchen Fällen nicht zwischen zwei Menschen statt. Er findet in einem einzigen Menschen statt, der sich selbst damit beschäftigt hält, ohne dass der andere überhaupt noch beteiligt wäre. Das ist der Teil, der mich am meisten berührt: Wer glaubt, sich durch Verachtung zu schützen, schadet damit niemandem so sehr wie sich selbst und merkt es nicht einmal, weil es chronisch wird und man ein Leben ohne Selbstüberhöhung und Verachtung gar nicht mehr kennt.
Ich sage das nicht, um jemanden zur Versöhnung zu drängen. Es gibt Verhalten, das zu Recht nie wieder Nähe verdient. Aber ablehnen kann ich auch, ohne die glühende Kohle in der Hand zu behalten. Ich kann durch innere Arbeit zu einer Klarheit kommen, die mich selbst nicht mehr schädigt.
Genau dahin möchte ich Menschen durch Prozesse begleiten. Dass sie die heiße Kohle loslassen, weil sie die eigene Versehrtheit als Teil der Geschichte mit dem anderen Menschen annehmen können, indem sie durch einen Trauerprozess gehen. Manchmal gehört dazu auch, sich die eigenen Fehler einzugestehen. Und die Scham zu fühlen, eine reale, vielleicht nicht unerhebliche Mitschuld an der Misere zu tragen. Gelingt dieser schmerzhafte Entwicklungsprozess, können sie am Ende mit Wehmut auf alles schauen, das heißt mit Schmerz, aber auch mit Mut.
Das ist ein Zustand ohne die zuvor noch notwendige grandiose Selbstüberhöhung zur Gefühlsabwehr, ohne das abfällige Lächeln, mit dem ich auf die andere Person hinunterschauen und zugleich immer wieder zu ihr zurückschauen musste, weil der Schmerz noch abgewehrt werden musste. Diese Verpanzerung verhindert das Einlassen auf Menschen im Allgemeinen, nicht nur auf den einen, mit dem ich im Streit liege. Mit der Zeit wird sie zum eigenen Selbstkonzept, und wahrhaftige Kontakte auf Augenhöhe werden dann kaum mehr möglich.
Kann ich das wirklich loslassen und rede mir nicht mehr nur ein, dass mir die andere Person „egal“ ist, wird ein Leben möglich, das die Vergangenheit mühelos ruhen lassen kann. Eines, das die eigene Lebenskraft wieder ganz für das Hier und Jetzt zur Verfügung stellt, unverbraucht von einem Kampf, den ohnehin nur noch ich allein geführt habe. Die Hand, die einmal die Kohle hielt, ist dann endlich wieder frei. Frei genug, um jemand Neuem tatsächlich die Hand zu reichen, auf Augenhöhe, ohne Verpanzerung.
