Funktionieren ist kein Beweis für Gesundheit

Es gibt Menschen, die ich in meiner Arbeit besonders schwer erreiche. Nicht, weil sie sich sträuben. Sondern weil sie so gut funktionieren, dass niemand, sie selbst am wenigsten, auf die Idee kommt, dass etwas fehlt.

Sie kommen pünktlich. Sie erledigen, was zu erledigen ist. Sie sind zuverlässig, freundlich, belastbar. Genau diese Eigenschaften werden belohnt, im Beruf, in der Familie, im eigenen Selbstbild. Wer funktioniert, gilt als gesund. Wer zusammenbricht, gilt als das Problem.

Ich glaube, das verwechselt zwei sehr verschiedene Dinge: Funktionieren ist die Fähigkeit, die Anforderungen von außen zu erfüllen. Gesundheit ist etwas anderes. Sie hat mit innerem Kontakt zu tun, mit Lebendigkeit, mit der Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse überhaupt noch zu spüren.

Man kann jahrelang funktionieren, ohne gesund zu sein. Manche Menschen funktionieren sogar besonders gut, gerade weil sie gelernt haben, ihre eigenen Signale zu übergehen. Das erlebe ich oft bei Fachkräften in helfenden Berufen, in der Pädagogik, der Pflege, der Medizin, die gelernt haben, für andere da zu sein, lange bevor sie merken, dass sie selbst nicht mehr da sind. Müdigkeit wird zu Schwäche erklärt. Traurigkeit wird verschoben, auf später, auf nie. Der Körper lernt mitzuspielen, bis er es irgendwann nicht mehr tut.

Was mich daran beschäftigt, ist nicht das Funktionieren selbst. Es ist die Verwechslung. Solange gutes Funktionieren als Beweis für Gesundheit gilt, fehlt vielen Menschen die Erlaubnis, sich mit sich selbst zu beschäftigen, bevor ein innerlicher Notaus-Schalter oder ein körperliches Symptom sie dazu zwingt.

Ich wünsche mir, dass Menschen sich schon dann ernst nehmen, wenn sie noch gut funktionieren, damit sie merken, dass es unter der Funktion noch jemanden gibt, der lebt.

Wenn dieses Thema etwas in Ihnen anklingen lässt, schreiben Sie mir gerne.

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