Das Recht, sich selbst zu glauben
Vor kurzem bin ich auf ein Video von Philip Ruland gestoßen, einem Kollegen, der als Psychotherapeut vor allem mit Trauma arbeitet. Sein Video trägt den Titel „Habe ich ein Recht, so psychisch krank zu sein?“ Er beschreibt darin ein Muster, das ich aus meiner eigenen Arbeit gut kenne. Die meisten Menschen, die zu ihm in Therapie kommen, haben nicht zu wenig erlebt. Sie haben genug erlebt, um daran zu leiden, und glauben es sich trotzdem nicht. Sie stecken die Erkenntnis über ihr eigenes Leid, wie er es nennt, in einen Schredder. Weil sie ja funktionieren. Weil andere es doch schlimmer hatten. Weil die Erinnerung so lückenhaft ist, dass sie sich selbst misstrauen.
Das ist im Grunde die andere Seite dessen, was ich in einem früheren Essay beschrieben habe, dass Funktionieren kein Beweis für Gesundheit ist. Dort ging es darum, dass unser Umfeld gutes Funktionieren fälschlich für einen Gesundheitsbeweis hält. Rulands Beobachtung zeigt mir, wie tief dieser Irrtum wandert. Irgendwann übernehmen wir ihn selbst. Wir werden zur eigenen Instanz, die unser Leid für nicht glaubwürdig genug erklärt.
Ich schreibe das auch, weil ich weiß, wie lange ich selbst gebraucht habe, das bei mir zu erkennen. Ruland beschreibt in seinem Video eine Szene aus einem Familienaufstellungsseminar: Jemand hatte gedacht, in seiner Familie sei es doch nicht so schlimm gewesen, bis die Stellvertreterin für die Mutter unter dem Druck der aufgestellten Situation buchstäblich zusammensackte. Erst der Blick von außen ließ ihn erkennen, was er selbst so lange kleingehalten hatte.
Bei mir lief es im Kern ähnlich, nur auf einem anderen Weg. Ich habe mich lange an das Normale in meiner Geschichte gehalten, weil es mich trug. Solange ich am Normalen festhielt, musste ich den Schrecken darunter nicht an mich heranlassen. Das war kein Wegsehen aus Naivität, sondern Selbstschutz. Der eigentlich schwere Schritt war deshalb nicht, mich zu erinnern, sondern mir selbst zu glauben, dass meine Not damals berechtigt war.
Deshalb interessiert mich beruflich wie persönlich weniger, wie schlimm es war. Mich interessiert, wie es gelingen kann, dass wir uns selbst glauben und uns selbst zuwenden. Es geht darum, wie wir diese Fähigkeit aufbauen und langsam in sie hineinwachsen. Genau das erforsche ich in meiner Arbeit, und genau dabei begleite ich Menschen. Ich kann niemandem sagen, was in seiner Geschichte wehgetan hat. Was ich möchte, ist einen Raum zu schaffen. Einen Raum, der die Erlaubnis gibt, die eigene Antwort ernster zu nehmen als den inneren Einwand, der sofort dagegenhält. So schlimm war es doch auch wieder nicht.
Wenn dieses Thema bei Ihnen etwas anklingen lässt, schreiben Sie mir gerne.
