Vortragsabend zum Start wirklich guter frühkindlicher Betreuung

Eltern und Fachkräfte informierten sich zu kindgerechter Eingewöhnung in KiTa und Tagespflege und entdeckten eine gemeinsame Sprache für gelingendes Miteinander

Der erste offene SAFE®-Elternabend finanziert durch die Bundesinitiative Frühe Hilfen, fand am vergangenen Donnerstag im Rathaus am Fischmarkt statt. Mehr als 30 Eltern, ErzieherInnen und Tagesmütter, die sich für das Wohl von kleinen Kindern in der Eingewöhnung und in der Betreuung sowie für frühkindliche Bildung interessierten, füllten die Räumlichkeiten. einladung-elternabend-fisch

Die seltene, weil bunte Zusammenstellung der Teilnehmer, bestehend aus Eltern und Betreuungspersonen, erwies sich als äußerst gewinnbringend und fruchtbar für die Veranstaltung. In keinem anderen Kontext könnten sich Eltern und Fachkräfte so offen, stressfrei auf Augenhöhe und von Mensch zu Mensch begegnen. Durch die referierten Inhalte war es zudem möglich eine gemeinsame Sprache zu finden und damit die verschiedenen Perspektiven und Einsichten auszutauschen und gemeinsam mehr Verständnis und Wertschätzung füreinander zu erlangen. Es wurde konstruktiv und intensiv über gängige Eingewöhnungspraktiken in Erfurt und Umgebung diskutiert und die wissenschaftlich begründeten Bedingungen guter Eingewöhnung mit den in der Praxis gegebenen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen in Thüringen und anderen Ländern abgeglichen.

Das erklärte Ziel der Veranstaltung, nämlich ein basales Verständnis entwicklungspsychologischer Grundprinzipien kindlicher Entwicklung zu vermitteln und deren fundamentale Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung und Bildung bis ins Erwachsenenalter zu verdeutlichen, konnte laut der Rückmeldungen der Teilnehmer voll erreicht werden. Durch die in leicht verständlichen und eingängigen Beispielen und Bildern vermittelte Funktionsweise der Kinderseele, war es insbesondere für die teilnehmenden Eltern möglich, die Notwendigkeit von guter Eingewöhnung und Betreuung nicht nur zu erkennen, sondern selbstbewusst und im Einklang mit dem elterlichen Bauchgefühl auch auf einem theoretisch-fachlichen Niveau einzuschätzen.

Einige Eltern fühlten sich hierdurch so bestärkt, dass vorige Unklarheiten über die Betreuungssituation des eigenen Kindes gänzlich aus dem Weg geräumt werden konnten. So berichtete eine Mutter: „Meine Zweifel haben sich komplett aufgelöst und ich vertraue zukünftig mehr auf mein Bauchgefühl. Es ist wirklich toll, dass das eigene Gefühl von so viel Fachlichkeit gestützt wird!“. Positiv überrascht waren viele Eltern über die eingängigen und logisch nachvollziehbaren Zusammenhänge kindlichen Verhaltens: „Warum erfährt man das nicht viel früher?!“ wollte eine Mutter nach Ende der Veranstaltung wissen.

Auch für die Betreuungspersonen gestaltete sich der Abend als gewinnbringend, da eigene Grundhaltungen noch einmal fachlich untermauert werden konnten und wichtige Eingewöhnungstipps insbesondere auch zur Elternarbeit zu einer Bestärkung der eigenen Position und fachlichen Herangehensweise beitrugen. So meldete eine Tagesmutter zurück: „Es freut mich sehr, dass meine Art Eingewöhnung zu gestalten genau richtig ist und ich das Eltern jetzt noch besser erklären kann. Aber es ist auch erschreckend, was da einige Eltern von woanders berichtet haben. Solche Abende sind wirklich wichtig. Ich hoffe sehr, dass Sie das noch öfter anbieten.“

Die Position, dass derartige Veranstaltungen und vertiefende Angebote regelmäßig angeboten werden sollten, fand bei allen Teilnehmern großen Zuspruch. Einige Teilnehmer wünschten sich diese Abendveranstaltung sogar als Pflichtveranstaltung für alle Eltern und Fachkräfte, damit Kinder nicht mehr unter Verhaltensweisen und Praktiken leiden müssten, die kindgerechter und damit gesunder Entwicklung entgegenwirken. Von den Teilnehmern eingebrachte Einzelbeispiele deuteten darauf hin, dass solche Methoden zum Teil aufgrund mangelnder Kenntnisse vielleicht sogar in der Annahme ihres Erziehungswertes angewendet und propagiert würden. Hier konnten sich die Teilnehmer gegenseitig in ihrer bindungsorientierten Grundhaltung und dem Grundsatz, einer sicheren Bindung immer Vorrang vor anderen Erziehungs- oder Bildungszielen zu geben, bestärken.

Alles in allem kann der erste offene Vortrags- und Diskussionsabend für Eltern und Fachkräfte als sehr gelungen bezeichnet werden. Allerdings zeigte ich auch Verbesserungsbedarf: Zwei Stunden sind für so ein bedeutungsvolles Thema und viele individuelle Fragen einfach viel zu kurz, da waren sich alle Teilnehmer einig. Die anschließende Diskussionszeit von einer weiteren Stunde wurde somit auch voll ausgenutzt.
Der zweite und vorerst letzte Elternvortrag zum Thema kindgerechte Eingewöhnung, Wohlbefinden in der Betreuung und gelingender frühkindlicher Bildung findet am 02.12., wieder ab 18 Uhr im Rathaus am Fischmarkt statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Anke Weismantel
Dipl.-Reha-Psych. (FH)
SAFE®-Mentorin

Für die TeilnehmerInnen der beiden Elternabende gibt es hier die wichtigsten Materialien und Links zum Download.

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Kindgerechte Kita-Qualität

Kurzmitteilung

Der hier bereitgestellte Text ist eine Zusammenstellung von Expertenmeinungen und eine Zusammenschau der aktuellen Forschungsliteratur zur Betreuung von Kindern unter 3 Jahren. Er soll zur ersten ausführlicheren Information dienen und einige der dringlichsten Gründe für die Notwendigkeit zum sofortigen gemeinsamen Handeln für das Wohl unsere Kinder aus verschiedenen fundierten Quellen zusammentragen.

Um die Gültigkeit der Ausführungen zu untermauern, habe ich mich hier bewusst für die Zusammenstellung mehrere Quellen entschieden. Ich möchte nach und nach dem Anspruch genügen, die aktuell verfügbaren Forschungsliteratur hier in Form von Experten-Zitaten abzubilden. Diese Sammlung befindet sich also im Entstehungsprozess und wird stetig erweitert. Eine interdisziplinäre Literaturrecherche des Österreichischen Instituts für Familienforschung der Universität Wien zum Thema „Kindgerechte außerfamiliale Kinderbetreuung für unter 3-Jährige“ (KaKU3) aus dem Jahr 2009, bildet dabei den Ausgangspunkt für Ergänzungen aus weiteren leicht zugänglichen und damit nachvollziehbaren Quellen.

Einleitend einige Worte zur Einordnung des Themas in einen größeren Zusammenhang.

„Die außerfamiliale Betreuung von Kindern unter drei Jahren ist nach wie vor Gegenstand heftiger, zumeist ideologisch gefärbter Debatten. Dabei wird nicht selten Halbwissen auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschungsergebnisse verhältnismäßig unreflektiert zur Untermauerung des jeweiligen Standpunktes herangezogen, der sich zumeist auf eine strikte Ablehnung oder eine uneingeschränkte Befürwortung außerfamilialer Betreuungsarrangements beschränkt. Faktum ist jedoch, dass die Forschungsliteratur keine prinzipiellen Aussagen darüber zulässt, ob frühe außerfamiliale Kinderbetreuung mit dem Wohl des Kindes vereinbar ist oder nicht, sondern dass die Ausgestaltung derselben das entscheidende Kriterium darstellt.“
Quelle: KaKU3

Ob eine außerfamiliäre Betreuung mit dem Kindeswohl vereinbar ist oder gar ein Entwicklungsrisiko darstellt, darüber entscheidet somit die Qualität der Betreuung.

Das Verständnis von Qualität in Kindertageseinrichtungen muss sich vom Kind und seinen entwicklungsspezifischen Bedürfnissen her ableiten (z.B. Bensel/Haug-Schnabel 2008). Damit sind sowohl die physischen Grundbedürfnisse nach Schutz vor Kälte und Hitze, nach Nahrung, nach Sauberkeit und körperlicher Unversehrtheit als auch die psychischen Grundbedürfnisse nach Bindung, Kompetenz- und Autonomieerleben gemeint.”

Quelle: Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll, Staatsinstitut für Frühpädagogik: „ Schriftliche Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung zur Verbesserung des Ausbaus und der Qualität der Kindertagesstätten im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend des Deutschen Bundestages“, am 10. November 2014

Im Folgenden möchte ich auf zwei den oben zitierten Qualitätsbereichen zugrunde liegende Aspekte beispielhaft eingehen. Diese einfach zu bestimmenden und somit harten Vorbedingungen von Qualität sind der Fachkraft-Kind-Schlüssel und die Gruppengröße: “Ein günstigerer Personalschlüssel führt zu besserer pädagogischer Qualität in Kinderkrippen” (NUBBEK-Studie, Tietze et al. 2013).

Fachkraft-Kind-Schlüssel und Gruppengröße

Was sagen also anerkannte Experten zu diesen beiden Kriterien von Kita-Qualität, welche u.a. zur Beantwortung der Frage nach der Vereinbarkeit mit dem Kindeswohl herangezogen werden? Zu den folgenden Ausführungen möchte ich betonen, dass es sich hierbei um Mindestforderung der jeweiligen Experten handelt.

Dr. med. Karl-Heinz Brisch, Kinderpsychiater und Bindungsforscher plädiert für einen Fachkraft-Kind-Schlüssel von 1:3 Kindern im Krippenalter (0-3Jahre).

Quelle: Bindung und Trauma: Risiken und Schutzfaktoren für die Entwicklung von Kindern
weitere Buchempfehlung: Kindergartenalter: Karl Heinz Brisch Bindungspsychotherapie – Bindungsbasierte Beratung und Therapie   

Prof. Remo Largo, Österreichischer Kinderarzt und Entwicklungsforscher empfiehlt für die Betreuung von Kindern unter 3 Jahren eine Gruppengröße von höchstens 8 Kindern. Sind die Kinder unter 1,5 Jahre alt, spricht er von einem Fachkraft-Kind-Schlüssel der bei 1:3 liegen soll, bei Kindern zwischen 1,5 – 3 Jahren lautet seine Empfehlung 1:4.

Quelle: Glückliche Scheidungskinder: Trennungen und wie Kinder damit fertig werden
Bestseller von Remo Largo: Babyjahre: Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren

Prof. Dr. phil. Éva Hédervári-Heller sowie Frau Dr. rer. nat. habil. Gabriele Haug-Schnabel äußern sich u.a. zur Gruppengröße und geben eine Höchstzahl von 8 Kindern bei einer reinen Kleinkindgruppe an. Bei altersgemischten Gruppen sprechen Sie von maximal 15 Kindern als Qualitätskriterium.

Prof. Jörg Maywald, „Deutsche Liga für das Kind“ empfiehlt für Gruppen von 2-3jährigen Kindern eine Gruppengröße von 5-8 Kindern. Ein günstiger Fachkraft-Kind-Schüssel liegt nach Prof. Maywald bei 1:3 für Kinder bis zum 2. Geburtstag. Für Kinder zwischen 2-3 Jahren sieht er einen Schlüssel von 1:5 als vertretbar an.

Quellen: Krippen: Wie frühe Betreuung gelingt: Fundierter Rat zu einem umstrittenen Thema und Flexible Betreuung von Unterdreijährigen im Kontext von Geborgenheit, Kontinuität und Zugehörigkeit

Einschätzungen des Staatsinstituts für Frühpädagogik: “(..) Zweijährige reagieren mit einer anhaltend erhöhten und damit entwicklungs-gefährdenden Stressbelastung auf:

  • zu große Gruppen (über 15 Kinder),
  • größere Altersunterschiede zwischen den Kindern (>6 Monate),
  • enge Räumlichkeiten (<5m2),
  • zu hohe Betreuungsdauer (>30 h pro Woche)
  • niedrige päd. Qualität (d.h. wenig Zuwendung/ Feinfühligkeit, viele Anweisungen, häufige Aktivitätenwechsel).

(Metaanalyse von Vermeer & Van Ijzendoorn, 2010; Legendre, 2003; Gunnar et al., 2010)”

Quelle: „Geht eine immer frühere institutionelle Versorgung auf Kosten der Kinder?“, Dipl.-Psych. Dr. Monika Wertfein wissenschaftliche Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik

Wie sieht im Vergleich dazu die Gesetzeslage nach dem Thüringer Kita-Gesetz aus?

ThürKitaG

Der aktuelle Fachkraft-Kind-Schlüssel in Thüringen, Quelle: ThürKitaG

  • zwischen 1 und 2 Jahren 1:6
  • bei den 2 bis 3jährigen bei 1:8
  • in der Realität meist schlechter, da die Personalausstattung auf die gesamte Kita berechnet wird, Fachkräfte oft nur in Teilzeit tätig sind, Öffnungszeiten über Schichtdienste abgedeckt werden müssen, Urlaub und Krankheit hinzukommen, Sondergenehmigungen für mehr Kinder bestehen…
  • Siehe zur Einordnung und zum Verständnis der Betreuung von 2jährigen “Krippenkindern” in Kindergärten auch einen Passus der Thüringer Kita-Verordnung (wird weiter unten im Text zitiert) und deren z.B. in Erfurt nahezu flächendeckende Umsetzung.

Prof. Dr. med. Joachim Bauer Hirnforscher, Psychiater, Psychotherapeut und Bestsellerautor teilte mir auf meine Nachfrage in einer Email vom 23.04.16 zum aktuellen Thüringer Kita-Gesetz und der Thüringer Kita-Verordnung folgendes mit:

Sehr geehrte Frau Weismantel, besten Dank für Ihre Zeilen.

 Die Zeit nach dem zweiten Geburtstag und vor Vollendung des dritten Lebensjahres ist eine Übergangszeit: Die Kinder sind hier zwar kleingruppenfähig, brauchen aber nach wie vor zwingend immer wieder eine dyadische erklärende Ansprache.

Dem Gesetzestext [Thüringer Kita-Gesetz:]

„In der Regel sind altershomogene Kleinkindgruppen vom ersten Lebensjahr bis zu drei Jahren unter Einsatz der jeweils geltenden Personalschlüssel nach § 14 Abs. 2 Nr. 1 bis 3 ThürKitaG zu bilden, um eine besondere und intensive Betreuung für die Kinder dieser Altersgruppe zu gewährleisten.“

kann ich so nicht zustimmen. Kinder unter 18 Monaten sind definitiv nicht „Kleinkindgruppen“-fähig. Zwischen dem 18. und 36. Monat kommt es m. E. sehr stark darauf an, dass 1. die Gruppen nicht zu groß sind (maximal 4-6) und dass 2. der Personalschlüssel so gestaltet ist, dass viel dyadisch interagiert werden kann.

„Sofern es der psychische, physische und geistige Entwicklungsstand eines Kindes in der Altersgruppe von zwei bis drei Jahren erlaubt, kann seine Betreuung in einer altersgemischten Gruppe von Drei- bis Sechsjährigen erfolgen.“ (aus der Kita-Verordnung)

würde ich zustimmen, wenn Kinder zwischen 24 und 36 Monaten gemeint sein sollten und wenn die Gruppen nicht zu groß sind (siehe oben). Etwa die Hälfte der Kinder werden den geforderten „psychischen, physischen und geistigen Entwicklungsstand“ allerdings in diesem Alter noch nicht haben.

Ich teile Ihre Sorgen.

Herzlichen Gruß
Joachim Bauer

Buchempfehlungen: Das Gedächtnis des Körpers: Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern , die Liste seiner Bestseller ist lang, siehe Amazon Autorenseite von Prof. Joachim Bauer

Wie kommen diese Experten zu Ihrer Meinung, dass die Betreuung von Kindern unter 3 Jahren einen – aus der Thüringer Perspektive – vergleichsweise hohen Personalschlüssel und so kleine Gruppen verlangt? Standards, die durch die Thüringer Gesetzeslage besorgniserregend unterschritten werden.

„(…) Vor diesem Hintergrund wird die außerfamiliale Kinderbetreuung in den ersten Lebensjahren sehr kritisch beurteilt, was aber nicht unbedingt eine prinzipielle Ablehnung impliziert, sondern mit der Forderung nach einer äußerst hochwertigen, vollständig an den Bedürfnissen des Kindes orientierten Ausgestaltung der Betreuung einhergeht.
(…)
Dabei kann die an den Grundbedürfnissen des Kindes orientierte Beziehungsgestaltung als zentrales Kriterium für Betreuungsqualität herangezogen werden. Eine Betreuung, ob sie nun innerhalb oder außerhalb der Familie stattfindet, ist dann von hoher Qualität, wenn sie kindgerecht ist, (das heißt, wenn sie dem Kind wirklich gerecht wird), und das ist im Wesentlichen dann der Fall, wenn sich das Kind sicher und geborgen fühlen kann und die Möglichkeit hat, seine Fähigkeiten in einem geschützten Umfeld zu entfalten.“ KaKU3

Ein Eckpfeiler kindgerechter außerfamilialer Betreuung ist also die Beziehung (siehe auch Bindungsforschung). Bedingung für eine stabile tragfähige Beziehung ist neben hoher Professionalität vor allem die zeitliche Verfügbarkeit. Eine noch so professionelle und engagierte Fachkraft wird ohne ausreichende Zeit für individuelle, also dyadische Zuwendung und Interaktion, dem kindlichen Grundbedürfnis nach Bindung (bindungsähnlicher Beziehung) nicht gerecht werden können. Die Vereinbarkeit des Kindeswohls mit außerfamiliärer Kinderbetreuung ist bei andauernder mangelhafter zeitlicher Verfügbarkeit für individuelle Interaktionen der Bezugsperson mit jedem einzelnen Kind unter 3 Jahren somit nicht mehr gegeben.

“Eine frühe institutionelle Kinderbetreuung kann zum Risiko für die kindliche Entwicklung werden, wenn sie nicht die jeweiligen Entwicklungsbedürfnisse der Kinder berücksichtigt und eine dementsprechende Qualität vorhält.”

Quelle: „Geht eine immer frühere institutionelle Versorgung auf Kosten der Kinder?“ von Dipl.-Psych. Dr. Monika Wertfein wissenschaftliche Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik

 „Beziehung ist wichtiger als Pädagogik“

„Vor allem in den ersten Lebensjahren, in denen die existenzielle Abhängigkeit des Kindes von erwachsenen Bezugspersonen immanent ist und das Überleben buchstäblich nur durch deren Fürsorge gesichert wird, kann die Bedeutung einer Sicherheit und Schutz bietenden Beziehung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gerade für sehr kleine Kinder ist emotionale Zuwendung wichtiger als Pädagogik („Beziehung statt Erziehung“), was impliziert, dass BetreuerInnen in erster Linie Bezugspersonen sein müssen, zu denen das Kind Vertrauen hat. Eine unabdingbare Voraussetzung für das Wohlbefinden des Kindes in einer außerfamiliären Betreuungssituation, in der die vertrauten Bezugspersonen abwesend sind, bildet daher das Vorhandensein bzw. die Etablierung einer stabilen und tragfähigen Beziehung zu einer Betreuungsperson, sei es nun die Pädagogin in einer Kinderkrippe oder die Tagesmutter.

Diese Beziehung oder Bindung kann sich jedoch nur im gemeinsamen Miteinander entwickeln, sie erfordert Zeit und Bereitschaft der Betreuerin oder des Betreuers, um ein gegenseitiges Kennenlernen zu ermöglichen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Neben der (…) Sensitivität [Feinfühligkeit], verbunden mit der Bereitschaft, sich auf das Kind einzulassen, müssen auch die entsprechenden Rahmenbedingungen vorhanden sein, damit eine Beziehung zwischen BetreuerIn und Kind wachsen kann. Vor allem in der Eingewöhnungsphase muss die Möglichkeit bestehen, dass eine bestimmte Betreuungsperson sich dem Kind in ausgiebiger Weise zuwenden kann, ohne dass die übrigen Kinder in der Gruppe dadurch einen Nachteil erleiden oder der/die BetreuerIn in einen Interessenkonflikt zwischen den Bedürfnissen der verschiedenen Kinder gerät. Aber auch zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Eingewöhnungsphase abgeschlossen ist, muss für die Betreuungsperson die Möglichkeit bestehen, sich dem Kind in angemessener, seinem aktuellen Bedürfnis entsprechender Weise zuzuwenden.

Eine ungünstige Gruppensituation mit vielen Kindern und wenigen BetreuerInnen in einer Gruppe lässt diesen Anspruch jedoch von vorneherein als überhöht und unrealistisch erscheinen und bringt die Betreuungspersonen leicht in Bedrängnis, wenn sie dennoch versuchen, jedem einzelnen Kind gerecht zu werden.“ KaKU3

 

Die für Kinder unter 3 Jahren offenkundigen Risiken für das Kindeswohl in Thüringer Kitas sind untragbar. Das Gleiche gilt für die Stressbelastung und die emotionale Zerreißprobe, die wir gerade den hochengagierten und qualifizierten pädagogischen Fachkräften zumuten. Dass dies kein akzeptierbarer und rechtlich auch kein vertretbarer Zustand ist, wird nicht zuletzt auch durch die Kinderrechte und dem dort formulierten Prinzip des Kindeswohlvorrangs in rechtlichem Kontext deutlich:
In der UN-Kinderrechtskonvention (in Deutschland gültige Rechtsnorm) Art. 3 Abs. 1 UN-KRK heißt es hierzu „Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.“
Im Art. 24 Abs. 2 EU-Grundrechtscharta wird ebenso festgelegt „(2) Bei allen Kinder betreffenden Maßnahmen öffentlicher oder privater Einrichtungen muss das Wohl des Kindes eine vorrangige Erwägung sein.“

Zusammenfassend kann deshalb gefolgert werden, dass Thüringer Eltern alleine schon aufgrund der ungünstigen Fachkraft-Kind-Schlüssel und der zu großen Gruppen keine ausreichende Kita-Qualität nach wissenschaftlichem Stand der Forschung für Kinder unter 3 Jahren erwarten können. Die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungsrisiken darf nicht weiter unter den Tisch fallen. Hier sehe ich alle Akteure in der Informationspflicht. Die Verantwortung für Erziehung und Schutz des Kindes vor Gefahren und Risiken weist das Grundgesetz den Eltern zu, Art. 6: „Pflege und Erziehung der Kinder
sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“. Aus diesem im Grundgesetz verankerte Erziehungsprimat leitet sich ab, dass Eltern alle die Betreuung betreffenden, notwendigen Informationen erhalten müssen, um ihre Pflicht, der elterlichen Verantwortung nachkommen zu können und im Rahmen ihrer Möglichkeiten im Sinne des Kindeswohls entscheiden zu können. Wird Eltern weiterhin eine Risikoaufklärung vorenthalten, so ist dies praktisch der Entzug von im Grundgesetz verankerten Elternrechten und -Pflichten.
Sehr wohl ist mir bewusst, dass es früher schlechter war, jedoch ist dies angesichts der Unbestreitbarkeit der bestehenden Risiken kein zulässiges Argument, sondern eine anerkennenswerte und zu bedauernde Feststellung, welche die jetzigen Risiken für das Kindeswohl nicht mindert.

Aufgrund der in Thüringen gesetzlich festgelegten Rahmenbedingungen ist von vornherein der wichtigste Qualitätsfaktor, nämlich eine an den Grundbedürfnissen des Kindes orientierte Beziehungsgestaltung, selbst von hochmotivierten, engagierten und sehr gut ausgebildeten Fachkräften wohl kaum und dann auch nicht ohne die Inkaufnahme eigener gesundheitlicher Gefährdung zu leisten. Eine Zusammenschau der Kriterien guter Kita-Qualität finden sich im Positionspapier der Deutschen Liga für das Kind.

Dieser Zustand, einhergehend mit dem diesbezüglich viel zu niedrigen Informationsstand auf Seiten der Eltern UND auf Seiten der Fachkräfte, ist skandalös. Die Schaffung eines öffentlichen Bewusstseins und damit die Information der Eltern für potentiell entwicklungsschädliche Betreuungskonstellationen muss dringend erfolgen. Im nächsten Schritt gilt es einen Weg zur Bündelung aller Kräfte (Eltern, pädagogische Fachkräfte, Politik etc.) für eine gemeinsame, konstruktive Verbesserung der Kita-Qualität zu beschreiten. Für eine kindgerechte Kita-Qualität in Thüringen, für gute Entwicklungs- und Bildungschancen unserer Kinder.

Mir liegen weitaus mehr maßgebliche Quellen und Informationen vor, die bislang noch nicht in den obigen Text eingearbeitet wurden. Bei Interesse übersende ich Ihnen gerne eine ausführlichere Quellen- und Linkliste.

Hier ein gutes Interview mit der Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik: http://www.zeit.de/2016/28/kita-qualitaet-fabienne-becker-stoll/komplettansicht

 

 

Krippe im ersten Lebensjahr? – Nein!

Kurzmitteilung

Bindungsforscherin und Leiterin des Bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik, Fabienne Becker-Stoll im Interview mit der FAZ

Ein Interview mit dem meine fachlich Sicht sehr übereinstimmt.

“Wie viel und welche Betreuung ist gut für mein Kind? Bildungsforscherin Fabienne Becker-Stoll erklärt Eltern, worauf sie achten sollten – und wie es um die Qualität deutscher Kitas bestellt ist.”

Hier eine kleine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen und Zitate:

  • 80% der Einrichtungen in Deutschland sind nur von mittelmäßiger Qualität.
  • Worauf Eltern z.B. achten sollten ist eine standardmäßig 4 bis 6wöchige Eingewöhnung
  • Eine gute Krippe / KITA erkennt man daran, dass ”es ruhig und entspannt ist. Dass keine Kinder weinen, ohne getröstet zu werden. Die Kinder werden angelächelt. Und wenn ein Kind vormittags müde wird und eine Pause braucht, kriegt es die auch.”
  • In 1/3 der Einrichtungen gelingt es auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder liebevoll und prompt und angemessen zu reagieren = Qualitätskriterium!
  • Das ist die Voraussetzung für Bildung und Lernen, was in diesem Alter aber nur möglich ist, wenn das Kind sich in einer emotionalen Beziehung geborgen fühlt.
  • Übrigens kann es einem Kind nur so gut gehen wie seiner Bezugsperson!
  • “Der Punkt ist, dass Eltern ihr Kind rausholen müssen, wenn sie merken, dass die körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse ihres Kindes in der Kita nicht beantwortet werden. Wenn die Abläufe nicht an den kindlichen Bedürfnissen ausgerichtet sind. Wenn es keine Bezugspersonen gibt, keine Eingewöhnung. Wenn man dort Kinder weinen lässt, dann ist das Alarmstufe rot. Dann müssen Eltern eine andere Betreuungslösung suchen. Auf keinen Fall: Augen zu und durch. Die Verletzbarkeit der Kinder in diesen ersten drei Lebensjahren ist einfach zu groß.”
  • “Das ist das vielleicht wichtigste Ergebnis unserer großen Qualitätsstudie: Kinder mit Migrationshintergrund brauchen exzellente Einrichtungen, um sich gut zu entwickeln. Bevor sie eine schlechte oder mittelmäßige Kita besuchen, bleiben sie besser zu Hause.”

Link zum Artikel

Gute KITA-Qualität in Zahlen

Kurzmitteilung

Die wichtigsten Eckpunkte für eine gute Qualität der außerfamiliären Betreuung

Anzahl der Kinder pro Erzieher(in) bzw. Tagespflegeperson:

  • Bei Kindern zwischen 1 und 3 Jahren ist ein guter Schlüssel 1:3 maximal 1:4
  • Bei Säuglingen unter 1 Jahr ist ein guter Schlüssel 1:2

(Im Gegensatz dazu sieht der aktuelle Schlüssel in Thüringen so aus:
zwischen 1 und 2 Jahren 1:6; bei den 2 bis 3jährigen bei 1:8
Quelle: ThürKitaG)

Anzahl der Kinder in der Gruppe

  • Bei Gruppen mit nur gleichaltrigen Kindern unter 2 Jahren sollten es maximal 6 Kinder sein (homogene Gruppen)
  • Bei 2-3jährigen Kindern sollten es maximal 8 Kinder (homogene Gruppe)
  • Bei altersgemischten Gruppen sollten es maximal 15 Kinder, mit maximal 5 Kindern unter 3 Jahren in der Gruppe sein

Quelle: „Deutsche Liga für das Kindhttp://www.fruehe-tagesbetreuung.de/ (Seite 10, direkter Link zum PDF)

Fürs Leben verwöhnt

Kurzmitteilung

Wie Babys und Kleinkinder eine sichere Bindung entwickeln

„Ein Fundament, das man nie verliert“

 Karl-Heinz Brisch erforscht, wie Babys und Kleinkinder eine sichere Bindung entwickeln – und lehrt Eltern, worauf es in den ersten Monaten wirklich ankommt.
Quelle: „Einsichten. Das Forschungsmagazin der LMU“, Nr. 1/2013, S. 922 – 924,
Autorin Nicola Holzapfel

Einige weitere Zitate:

Ob ein Kind über eine sichere Bindung verfügt oder nicht, macht sich spätestens in der Krippe oder im Kindergarten bemerkbar. Kinder mit Bindungsproblemen sind nicht gruppenfähig und fallen entweder durch aggressives Verhalten auf, sie beißen und schlagen zum Beispiel, oder sie zeigen sehr starke Ängstlichkeit.

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„Bindung kommt vor Bildung“, sagt Brisch. Längsschnittstudien, bei denen Kinder von der Geburt an über mehrere Jahre immer wieder untersucht wurden, zeigen, dass bindungssichere Kinder kreativer, sprachbegabter und aufgeschlossener sind als Gleichaltrige, die nicht sicher gebunden sind. Auch ihre Gedächtnisleistungen sind besser. Sie können zudem mit Stress besser umgehen, es fällt ihnen leichter, schwierige Situationen zu bewältigen. Und sie können sich leichter in andere einfühlen und haben erfüllendere Freundschaftsbeziehungen.

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„Eine gute Betreuungsqualität lässt sich in einer Krippe nur dann sicherstellen, wenn das Betreuungsverhältnis bei eins zu zwei, höchstens eins zu drei liegt, je nach Alter der Kinder, das sagen die internationalen Studien.“

Link zum Artikel

 

Bindung: Die sichere Basis fürs Leben

Kurzmitteilung

Das Titelthema der Mai-Ausgabe 2014 Deutschlands bekanntester Psychologie-Zeitschrift, der “PSYCHOLOGIE HEUTE” lautet diesmal so wundervoll passend für den in Kürze in Erfurt zum ersten Mal startenden SAFE®-Kurs und meine Praxiseröffnung im Erfurter Geburtshaus: „Bindung: Die sichere Basis fürs Leben“.sichere-bindung-psychologie

Die Hauptthemen meiner Arbeit sowie auch der SAFE®-Kurs werden hier sehr gut durch Dr. Brisch, Kinder- und Jugendpsychiater, zusammengefasst und dargestellt.

Ich habe den Artikel noch einmal und zwar kostenfrei (!) auf der Seite von Dr. Brisch gefunden: Link zum PDF-Download

 

Fachtag “Billige Kitas mit bester Qualität” in Erfurt

Fachtagung „Billige Kitas mit bester Qualität?“ – wie ich sie erlebt habe

Diese Dokumentation habe ich nach der heutigen Tagung als meine Abendbeschäftigung angefertigt und da der Tag auch nach der Veranstaltung weiterging und mit Familienleben auch recht lange war, bitte ich die Unvollkommenheit des Textes zu entschuldigen. Ich wollte es heute noch abschließen, das war das erklärte Ziel und das habe ich geschafft. Es gilt der allseits beliebte Spruch: Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten. Das gleiche gilt für Ausdruck und Zeichensetzung. Worauf ich jedoch viel Wert lege, dass ist die grundsätzliche Richtigkeit meiner Aussagen. Falls ich hier etwas falsch zitiert haben sollte, oder etwas in falschen Zusammenhang gebracht haben sollte, bitte ich um Rückmeldung und um Entschuldigung! Gerne bin ich auch bereit, Ihre persönlichen Dokumentationen aus z.B. den anderen Workshops hier einzufügen. Und noch ein letzter Hinweis: Kritik nehme ich persönlich, und zwar als persönliches Geschenk! Nutzen Sie die Kommentarfunktion dieser Seite – sie dürfen gerne dazuschreiben, ob Sie eine Veröffentlichung zustimmen, oder ob das Geschriebene nur für mich bestimmt ist.

Wer sich für ein persönliches Statement von mir interessiert, muss sich leider noch wenig gedulden.

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Die Moderation des Tages übernahm Bettina Löbl, Vorsitzende des TLfK e.V.. In ihren Ausführungen betonte sie unter anderem, dass der Thüringer Betreuungsschlüssel aktuell gut sei und Herr Minister Matschie stimmte ihr deutlich nickend zu. Nur im internationalen Vergleich fehle es vielleicht noch ein bisschen, fügte Frau Löbl an.

Im Anschluss betonte Herr Minister Matschie die entscheidende Bedeutung des öffentlichen Drucks durch das Volksbegehren, welches die Umsetzung des KitaG 2010 erst möglich gemacht habe. Trotzdem dürfe man sich nicht zurücklehnen! Man müsse im Gegenteil die weitere Verbesserung vorantreiben und er sieht hierfür folgende Hierarchie auf: 1. Ein ausreichendes Angebot müsse für die Eltern geschaffen werden [ausreichendes Platzangebot]. 2. Die Erzieher müssten nach Tarif bezahlt werden. 3. Die baulichen Standards müssten geschaffen werden und zuletzt (4.) könne man die Kita-Gebühren reduzieren. Herr Matschie betonte zudem, dass es frühkindliche Bildung nicht zum Nulltarif geben könne. Wir müssten unser System weiterentwickeln und besser machen und die Mitsprache der Eltern, sei eine wichtige Qualitätskontrolle für das Kita-System.

Studie Praxis Nov KitaG

Dr. Keikenbom, Geschäftsführer der Aproxima – Sozialforschung, stellte die Studie „Ein Blick in die Praxis nach der Novellierung des Thüringer KitaG 2010“ vor. Diese qualitative Studie stelle den Ist-Stand aus dem Blick der ErzieherInnen dar und welche Erfahrungen sie mit dem neuen Gesetz haben machen können. Einige der von ihm beschriebenen Probleme möchte ich hier nennen: Da wären insbesondere die strukturellen Probleme der Raumgestaltung, der fehlende Personalpuffer und damit der Wunsch mehr Zeit zu haben, der überall genannt worden sei, zu nennen. Zudem sei es fast unmöglich Dienstpläne und Arbeitsstunden mit der dünnen Personaldecke zu planen. Insgesamt würde eine große Belastung der Mitarbeiter zurückgemeldet. Leider erschloss es sich mir aus meinen Aufzeichnungen nicht mehr exakt in welchem Zusammenhang der folgende Satz stand: „Die Kinder unter drei Jahren müssen ein Stück weit vernachlässigt werden.“ Vielleicht hat jemand hier vollständige Aufzeichnungen und kann den Satz in einen logischen Zusammenhang bringen. Dafür wäre ich sehr dankbar!

Weiter führte Herr Keikenbom aus, dass bei Erziehern viel mehr als früher Mediationsfähigkeiten gefragt seien, die oft fehlten. Der Beratungsbedarf sei insgesamt gestiegen und oft würden viele Individualwünsche an die Fachkräfte gestellt. Dies müsse in der Weiterbildung eine größere Rolle spielen, da z.B. gerade die Tür- und Angelgespräche von besonderer Bedeutung für die Elternarbeit seien.

Das Thema Inklusion wurde ebenfalls behandelt, wobei die wichtige Grundlage, nämlich eine gewisse moralische Verfasstheit der Gesellschaft Erwähnung fand, auch wenn diese nicht in der Studie aufgegriffen wurde. Auch in diesem Bereich seien die fachlichen Fähigkeiten der Pädagogen nicht ausreichend, obwohl Integration und Inklusion heuten jeden träfen.

Zusammenfassend stellt Herr Keikenbom fest, dass die Herausforderungen an die Erzieher sehr groß seien. Insbesondere im ersten und zweiten Lebensjahr und im Bereich des gestiegenen Beratungsaufwandes in der Elternarbeit (Mediationskompetenz). Bildung beginne in den frühkindlichen Entwicklungsphasen.

Hier ist die komplette Studie zu finden: http://library.fes.de/pdf-files/bueros/erfurt/09820.pdf

Peter Häusler

Der nächste Redner war Peter Häusler vom TLfK e.V., der als Vertretung für Herrn Brychcy eingesprungen war und für dessen Redebeitrag ich äußerst dankbar bin. Beruflich sei er mitverantwortlich für das Gelingen von Investitionen als Qualitätsmanager in der Industrie. Dies lasse ihn natürlich auch mit einem wirtschaftlichen Blick auf die Kitas schauen. Wichtig beim Qualitätsmanagement sei vor allem die Identifikation der Rahmenbedingungen, die geschaffen werden müssten. Es müsse uns zunächst erst einmal klar werden, was wir wollen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sei da an erster Stelle genannt. Sie sei eine Forderung, die nicht zuletzt aus der Deutschen Wirtschaft komme. Des Weiteren sollten Kitas die Eltern bei ihrer Erziehungsleistung unterstützen, es also nicht schlechter machen, als es die Eltern selbst tun. Zum dritten und wichtigsten Punkt führte er das Problem der überforderten Eltern an. Es existiere kein einheitliches Wertesystem mehr in unserer Gesellschaft. Verunsicherte Eltern hätten verunsicherte Kinder, was durch die Erzieher aufgefangen und gemanagt werden müsse. Insbesondere Kinder aus Familien mit psychisch oder suchtkranken Eltern seien oft bindungsunfähig und Erzieher müssten in die Lage versetzt werden, damit umzugehen! Sie müssten in der Lage sein, mit diesen Kindern in Beziehung zu treten! Herr Häusler stellte noch einmal die Frage in den Raum, welche Rahmenbedingungen wir brauchen. Er wünsche sich solche Diskussionen in einem größeren Rahmen hier in Thüringen und er wünsche sich mehr Kommunalpolitiker, die sich mit der Thematik beschäftigten. Erst wenn man die Rahmenbedingungen kenne, erst wenn man die Anforderungen kenne, könne man investieren und nicht umgekehrt. Investitionen, die ohne die Kenntnis der Anforderungen getätigt würden, nenne man in der Wirtschaft dann zumeist Fehlinvestitionen.

Auszüge aus den Berichten der Workshops

Workshop 1: Rechtsanspruch, Wunsch oder Wahlrecht – Hirngespinst oder Realität?

Das Gesetz sei an vielen Stellen suboptimal. Es würden z.B. Langzeiterkrankungen wurden beklagt. Dies würde keine Berücksichtigung in der Personalplanung finden, was jedoch nicht gesetzeskonform sei. Die Personalausstattung müsse höher sein. Die Gruppengrößen seien zudem im Gesetz leider nicht geregelt. Es käme vor, dass 20 und mehr Kinder einschließlich Kleinkinder in einer Gruppe betreut würden. Auch sei die Betreuung durch Tagesmütter nicht im Gesetz geregelt.

Workshop 2: Schluss mit Gebührendickicht und überzogenen Kitagebühren – sind gebührenfreie Kita’s eine unterstützenswerte Forderung?

Ja, aber die mind. Qualitätsstandards müssten gesichert und gehalten werden. Die Forderung einer kostenfreien Kita sei eher plakativ zu verstehen. Das Fachkräftegebot: gute Bezahlung nach TVÖD sei die notwendige Wertschätzung und 70% der Träger würden 10% unter TVÖD zahlen. Wörtliches Zitat: „Warum müssen wir (Eltern) darum betteln, dass Erzieher angemessen bezahlt werden?“, Vision: Gebührenfreiheit.

Workshop 4: ElternMitWirkung – wenn Eltern mehr als nur Kuchen backen wollen

Als Hauptproblem wurde hier die Kommunikation herausgearbeitet. Des Weiteren wurde auch hier der Betreuungsschlüssel thematisiert und eine sehr eindringliche Andeutung gemacht, dass in diesem Workshop äußerst „schwierige Berichte“ aus der Praxis dargelegt wurden, denen dringend nachgegangen werden müsse [Einzelfälle?!].

Workshop 5: Inklusion auf Teufel komm raus – Fluch oder Segen

Die Rückmeldung auch hier: Fehlende gut ausgebildete Fachkräfte, aber ein Problembewusstsein dafür.

Workshop 6: Wozu ausgebildete Fachkräfte in Kitas und warum so viele?

- Schlechte Ausbildung an den Fachschulen, die zum Teil „jeden Schüler durchziehen“ aus finanziellen Gründen; fehlendes Praktikum am Anfang der Ausbildung, wodurch keine Eignungsprüfung stattfinden kann; Vorschlag: Fachkräfte aus der Praxis als Lehrende an die Schulen, wobei das kaum umsetzbar sei.

- Personalmangel bei der Praxisbetreuung der Auszubildenden

- Weiterbildungsveranstaltungen seien oft „Bummiveranstaltungen“ [qualitativ minderwertig, warum wird das so hingenommen? Qualiätsmanagement?]

- Kompetenzweitergabe und Kompetenzgefälle: Fehlender fachlicher Austausch der Kitas.

- Konflikte im Team werden auf den Rücken der Kinder ausgetragen. Fehlende Angebote von Supervision?!

- Personalausstattung ist noch nicht ausreichend

- Krankenstand, insbesondere Langzeitausfälle werden nicht durch die Träger abgefangen (nicht gesetzeskonform), obwohl der Schlüssel im Schnitt immer eingehalten werden müsse. Hinweis auf die Möglichkeit der Überforderungsanzeige

- Die Mindestpersonalbesetzung wird zur Normalität. Das Personal müsse ständig nachreguliert werden, was im schlimmsten Fall einen ständigen Betreuungswechsel bei den Kindern zur Folge hätte, da wird’s „kriminell“

- Kritik an der Landesfachberatung: Diese käme aus dem Schulbereich und nicht aus der Kita. Konzeptionen würden nur auf dem Papier geprüft.

Teilnahme am Workshop 7: Familienförderung und Elternbildung – vernachlässigt, überflüssig oder überfällig?

Denny Möller JHA-Vorsitzender Erfurt, Prof. M. Rißmann (FH-Erfurt), R. Schmack-Siebenlist-Hinkel (Kuratorin der Stiftung Familiensinn)

Prof. Rißmann führte kurz einleitend aus, dass Eltern heute sehr viel mehr unter Druck stünden und verunsichert seien. Sie seien einer hohen Belastung ausgesetzt und litten selbst unter Zeitnot bei der Erziehung, laut Familienreport 2010. Insgesamt sei der Soziale Wandel der letzten 20-30 Jahre rücksichtslos gegen die Eltern gewesen, dies sei eine Tatsache! Eltern hätten jedoch ein großes Vertrauen in die Kitas, weswegen schwierige Eltern nun dort abgeholt werden sollen. Frau Prof. Rißmann erläuterte kurz ihr eigenes Projekt, die „Eltern-Kind-Zentren“, was aller Voraussicht nach wohl aber leider nur ein Modellprojekt bleiben wird. Insgesamt wurde beklagt, dass es gute Konzepte, Weiterbildungen und Modelle für den Bereich der Familienförderung und Elternarbeit gäbe, die jedoch kaum bekannt seien, bzw. nirgends zentral zur Verfügung stünden. Frau Schmack-Siebenlist-Hinkel machte hierbei das konkrete Angebot, auf der Homepage der Stiftung Familiensinn unter Wissenswertes einen Pool von guten Angeboten anzulegen. Jeder, der ein Angebot, eine Weiterbildung etc. empfehlen könne, sei aufgefordert die Information per Email oder auch per Telefon an die Stiftung weiterzugeben. Zusätzlich wurde aber der Wunsch nach einer Fachtagung zur ausführlichen Vorstellung solcher Ansätze deutlich. Einige Beispiele für gute Ansätze seien hierbei „Parents as Teacher“, „Marte Meo“ [sehr ähnlich dem SAFE-Ansatz] und die Ausbildung zum „Elternberater“. Insbesondere die Ausbildung zum Elternberater sei wegen des großen Selbsterfahrungsanteils sehr beliebt und bereichernd für Kitas. Sehr schnell wurde auch deutlich, dass aber der Transfer in die Arbeit, die Überführung in die Normalität ein großes Problem darstellt, da eine einzige fortgebildete Erzieherin hierfür nicht ausreiche. Insgesamt fehle es an der Zeit und den Ressourcen in den Einrichtungen, um adäquate Weiterbildungen flächendeckend zu gewährleisten. Dass Erzieher selbst zahlten und die Veranstaltungen in ihrer Freizeit besuchten, sei kein akzeptabler Zustand, jedoch vielerorts Realität. Weiterhin könnten auch gut ausgebildete Erzieher den Anforderungen an die Elternarbeit, der im Bildungsplan festgeschrieben sei, nämlich als das Eingehen einer Erziehungspartnerschaft mit den Eltern nicht erfüllen, da ihnen schlichtweg die Zeit dafür fehle.

Zusammenfassung Workshop 7 und Ende der Veranstaltung

Angebote seien im Land nicht ausreichend bekannt. Keine Verstetigung guter Angebote, sondern meist nur Projektcharakter. Denny Möller nutzte die Gunst der Stunde und appellierte an die Fachkräfte in den Einrichtungen, sich nicht auf das Engagement von Eltern oder Politik zu verlassen, da diese nur bis zu einem gewissen Grade und aus eigenen Beweggründen für sie eintreten würden. Die einzigen, die die notwendigen Verbesserungen an der Situation der ErzieherInnen bewirken könnten seien sie selbst. Er empfahl dringend, sich in Gewerkschaften oder anderweitig zu vernetzen und sich für das eigene Wohl zu engagieren! Dies kann ich nur eindringlich unterstützen!